Über die Leere

Wieder einmal liegt Du vor mir. Du schaust mich inhaltslos an, auf eine leere Art vorwurfsvoll, ängstlich gar: „Was hast du vor?“, scheinst Du zu fragen, „womit willst du mich heute beschmutzen? Willst du wieder nur deine Tasse auf mich stellen, um dich dann über die entstandenen Ränder zu ärgern? Oder malst du heute auf mir rum, wie neulich, als du mich danach nie wieder angesehen hast? Was ist es? Was willst du?“

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Du liegst da, rein, unschuldig, unbefleckt, und ich weiß nicht, was ich mit Dir anfangen soll. Noch nicht. Denn noch immer habe ich es geschafft, dir irgendwie die Unschuld zu rauben. Doch heute fällt es mir schwer. Was also tun mit Dir?

Ich verlasse dich, hole mir einen Kaffee. Das mit dem Tassenrand ist gar keine so schlechte Idee, denke ich, probiere es aus. Und? Kein Rand, kein noch so kleiner Fleck auf deiner blütenweißen Leere.

Gedankenverloren male ich einen Buchstaben. Ich zerreiße das Weiß, zerstöre die Unschuld. Dich scheint es nicht zu stören, geduldig liegst du da in Erwartung der nächsten Attacke. Noch ein Buchstabe, dann noch einer, immer weiter.

Jetzt sehe ich dich an, bin verwundert. Das, was ich lesen kann, war eben noch wahr und ist jetzt doch eine Lüge! In breiten, übermütigen Buchstaben steht:

Ich bin

ein leeres Blatt

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