Warum man Einkaufstüten bezahlen muss

Wir schreiben jetzt das Jahr 20 nach der friedlichen Revolution. Grund genug, sich an ein paar Geschichten und Anekdötchen aus jener Zeit zu erinnern, als die DDR-Bürger den Westen überrollten, bevor sie vom Westen überrollt wurden wieder in den heimischen Schoß der Familie aufgenommen wurden.Vom Prenzlauer Berg war es ja nicht weit bis zum Wedding (es ist, genau genommen, immer noch so), und so begab es sich, dass ich dort einen Nebenjob im Sputnik-Kino hatte. Schließlich wollte ich mir auch mal ’ne Coca kaufen, ohne die Alu-Chips im Kurs von 1:10 tauschen zu müssen. Aber ich schweife ab. Also: Schräg gegenüber des Kinos, in der Gericht- Ecke Reinickendorfer Straße, gab es einen Penny-Markt. So einen richtigen, kleinen, niedlichen – wie ein Tante-Emma-Laden, nur mit Einkaufswagen und Selbstbedienung. (Aber das kannten wir ja vom Konsum auch schon. Nur nicht die Menge an Waren, besonders an verschiedenen.)

Die DDR-Bürger waren zu Hauf in dieser Kaufhalle. Und beileibe – sie hatten sich noch nicht an den Westen gewöhnt! Nicht nur, dass wir nicht wussten, wie man an einen Wagen heran kommt, ohne gleich die ganze Einkaufswagenschlange samt Geländer mit zu nehmen, wenn man endlich einen Wagen mit Hilfe eines freundlichen Wesens separiert hatte, kam die nächste Hürde: Dieses Drehdings. Da geht kein Wagen durch. Nie und nimmer. Also: Wagen zurück, gleich zwei Körbe gegriffen und los.

Das Penny-Logo 1973 - 1992

(In der DDR, muss man nun wissen, waren Plaste-Tüten rar. In der Schule mussten wir solche Tüten mit Werbeaufdruck (von Penny?) nach links umdrehen und bekamen einen mahnenden Eintrag ins Hausaufgabenheft.)

In dem kleinen, schnuckeligen Penny leerten sich die Regale in dem Maße, wie er sich mit Ossis füllte, mit drängelnden, schubsenden, futterneidischen, lauten, aufgeregten und – ich sag’s nur ungern – alles, was nicht niet- und nagelfest war, klauenden schlechtfrisierten Menschen. Die ältere Dame an der Kasse blieb ruhig, und in typisch-berliner freundlicher Art brüllte sie schließendlich in den Raum, dass es auch ja noch im Lager zu hören war:

Wer klaut, kriegt keene Tüte!

Die Frau hatte Durchblick. Und wahrscheinlich hat sie’s auch noch weiter erzählt (oder andere Penny-Damen hatten das gleiche Erlebnis), denn schon ein Jahr später musste man für die Tüten bezahlen, die auch wir jetzt brav assimiliert „Plastik“-Tüten nennen.

Wir sind schuld.Ich gebe es zu. Aber seid nicht böse mit uns deswegen: Dafür habt ihr unsere Fabriken bekommen (und als Dreingabe auch noch die Merkel.)

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