Wann, wenn nicht jetzt? Mit wem, wenn nicht mit dir?

Wenn ich wollte, würde ich jetzt eine ganz, ganz lange Geschichte schreiben. Darüber, dass du mir sofort aufgefallen bist. Darüber, dass ich den Barkeeper-Eid gebrochen habe und dich auf Teufel komm raus anbaggerte. Darüber, dass wir an diesem ersten ersten Abend nach Barschluss erst redeten, dann youtube bemühten und tanzten. Und tanzten und tanzten. Es gab keinen Regen in dieser Bar, damals, aber wir tanzten wie in einem Film Noir und wir tanzten und alles war schwarz und weiß und wir tanzten und wie durch einen glücklichen Umstand kam keiner zu Schaden.

Am zweiten ersten Abend war ich der Zurückhaltende. Du kamst mit offenem Herzen und leuchtenden Augen. Ich sah dich, spielte sofort „unser“ Lied. Und sofort begann auch ich zu leuchten. Und wir tanzten. Wir sahen uns da das erste Mal. Es war perfekt. Es war unser erster Abend.

Könnt ihr euch vorstellen, mit einem Menschen stundenlang nur zu tanzen? Könnt ihr euch vorstellen, mit einem Menschen stundenlang nur zu träumen? Könnt ihr das?

Ich konnte es nicht. Sie konnte es nicht. Ein Jahr lang versuchten wir, die Sternschnuppen der zwei ersten Abende wieder zu sehen. Doch wir waren blind.

Und jetzt, fast ein ganzes weiteres Jahr später, höre ich wieder diese Musik. Ich tanze, allein, und ich tanze und tanze.

Ich vermisse dich.

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Das hässliche Entlein

Man nehme ein Glas, vorzugsweise eines, das gespült und poliert ist. Vielleicht hat man kurz vorher bereits den Kaltwasserhahn in der Küche aufgedreht, das erspart einem einige Sekunden. Man fülle das Glas mit dem nun kühlen Nass aus dem Hahn und: voilà! ein durststillendes Getränk steht bereit. Knabbert man dazu an einer Tomate, einer Paprika, einer Zucchini oder ähnlich Leckerem und streichelt nebenbei seine Sinne mit den Kräutern, die man klugerweise auf dem Küchensims am Leben erhalten hat, dann erhält man den perfekten Smoothie. Der hat dann zwar keinen Strom verbraucht und ist auch nicht so fotogen wie seine moderne Vettern, aber er erfüllt den selben Zweck. Er löscht den Durst und stillt den Hunger nach vernünftigen Alternativen. Nun ja, angeben kann man mit so einem Rezept und solch einem Getränk nicht. Aber vielleicht kann man ja nachdenken, ob ein kleines Weniger ein schönes Mehr wäre. Vielleicht.

Prost.

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Ein Mann wartet

Wie immer kam ich etwas später nach Hause. Der Morgen dräute nicht nur, er gleißte. Doch während ich mich des hellen Sonnenscheins mittels Hut erwehren konnte, konnte er es nicht. Der alte Mann.

Der alte Mann stand unbeweglich da. Sein Haupt war kaum mehr bedeckt von schütterem Flaum und gut behütet war es auch nicht. Ein alter Mann ohne Hut, was soll das?, dachte ich noch und sinnierte über den Sittenverfall im Alter. Doch dann passierte…

Nichts.

Ein-, zweimal umkreiste ich den greisen Gesellen, doch er bewegte sich nicht. (In Wahrheit traute ich mich nicht, mich ihm näher als einen Münzwurf weit zu nähern, ließ aber das Münzgewerfe weg, da ein pantomimisches Seniorenstandbild mir als etwas zu abwegig erschien, selbst an einem Sonntagmorgen in Friedrichshain.)

Naheliegender Weise setzte ich mich auf eine nahestehende Bank und schaute dem alten Mann beim Stehen zu. Und so stand er da. Ruhig, sehr gelassen, wenn auch unbehütet. Und stand. Und stand. Und ich guckte ihm zu und wusste nicht, warum.

Irgendwann fasste ich mir mein Hasenherz und sprach ihn an. Möchten Sie etwas essen?, fragte ich ihn, brauchen Sie etwas zu trinken? Wollen Sie sich setzen?

Der alte Mann schaute mich kaum an. Nein, antwortet er müde, ich warte nur.

(An dieser Stelle ist jeder Sensenmann-Witz oder Warum-hat-er-nicht-den-Priester-gerufen-Gedanke überflüssig, denn die hatte ich in dem Moment bereits.)

Worauf warten Sie denn?, fragte ich folgerichtig.

Auf mein Taxi. Ich warte auf mein Taxi, sprach der alte Mann und stand da und wartete. Auf sein Taxi.

Ah, Sie haben ein Taxi, Sie Glücklicher, scherzkekste ich, dann brauchen Sie sich ja nie nicht eines zu rufen.

Himmelgesäßundnähgarn! (Jetzt wurde der alte stehende Mann laut) Jetz steh ich schon ne jeschlagne halbe Stunde hier und vafluche dit kapitalistische Sistem un dabei ha’ick völli vajessen, det ick selba beim Taxiruf anrufen muss. Ick dachte doch, Mutta machtet…

(Der Rest war leicht. Taxi rufen und drei Minuten später den nun nicht mehr wartenden, aber immer noch alten Mann ins selbige verfrachten.)

Und das Ende vom Lied:

Je länger die Geschichte, um so kürzer der Tweet.

(Der Tweet zur Geschichte: https://twitter.com/wikipeter/status/589692373925507073)

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Stinkefinger

Manchmal braucht es seine Zeit, um auf aktuelle Phänomene zu reagieren. Schließlich will man sich ja eine eigene Meinung bilden, und die fahrenden Züge, auf die man so schnell aufspringen kann, könnten ja auch das verkehrte Ziel haben.

Manchmal braucht es auch eine Zeit, um zu begreifen, dass das Ursprungsthema, um das sich ein neues Phänomen kringelt, einfach zu lächerlich ist und man es daher vorher nicht ernst nehmen wollte.

Aber Anderes sollte man ernst nehmen. Man sollte die Auswirkungen, die sich mit der massiven Beschäftigung mit lächerlichen Kleinigkeiten (die lange zurück liegen und darüber hinaus noch aus dem Kontext gerissen werden) ernst nehmen. Man sollte sogar diejenigen, die sich Journalisten nennen und die sich schon des Öfteren durch massive Unkenntnis diskreditiert haben sollten, ernst nehmen, weil sie allein schon durch die mediale Reichweite direkt nach dem „Tatort“ von sehr, sehr vielen Menschen ernst genommen werden. Aber diese „Journalisten“ sollte man auch nicht zu ernst nehmen. Denn dann könnte Folgendes geschehen:

Man könnte einen Beitrag satirisch begleiten. Das ist gut, das sollte man sogar. Wenn man dabei einige Grundsätze beachtet:

Der satirische Beitrag sollte beitragen, dem Leser/Zuschauer ein erkennendes Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Er sollte helfen, durch Übertreibung, Umkehrung und viel Humor die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dann, und erst dann, gilt Tuchos Satz:

„Was darf die Satire? Alles.“

Nehmen wir nun einmal an, ein junger, selbstverliebter Möchtegernsatiriker verwechselt Witz mit Humor und darf das auf einem öffentlich-rechtlichen Spartensender und lobenswerter Weise auch im Internet ausleben. Was passiert dann?

Er wird ernst genommen. Das ist aber problematisch, denn ein Satiriker will nicht ernst genommen werden, er will vor Allem verstanden werden. Wenn aber hinter dem vermeintlich satirischen Beitrag nichts ist, was verstanden werden soll, dann ist es nur ein billiger Witz. Und, das kennen wir alle, nicht über jeden Witz wird gelacht.

Was geschieht noch? Der Witz wird weiter erzählt. Er wird kommentiert, dementiert, in veränderter Form wiederholt und danach wird diese Wiederholung dementiert. Irgendwann weiß niemand mehr, was der Ursprung des Witzes war.

„Und halb Deutschland sitzt auf dem Sofa und nimmt übel.“

Was aber passierte noch? Was geschah, um mich aus der Sofaecke zu locken und hier einen Rant loszulassen?

Es ist ganz einfach: Nichts.

Spiegel, die SZ, Twitter- und Facebook-User überschlagen sich mit Meinungen zu dem vermeintlichen Satiregate und überstrahlen damit alle relevanten Meldungen. Das Anliegen, das der Stinkefingermensch in seiner eigenen überheblichen Art zu vermitteln versucht, gelangt ins Hintertreffen, genau wie die Versuche unserer Regierung in der ihr eigenen überheblichen Art, möglichst billig möglichst viel zu erreichen. Nichts davon erreicht den, der sich tagelang über einen Fingerfake Gedanken macht.

Was bleibt, ist die Frage nach der Echtheit eines Stinkefingers.

Glaubt mir, der, den ich allen Medien zeige, ist echt.

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Bring(t) mich zum Rasen

Foto

 

Ich mag keine kleinen Kinder. Nicht mal mit Speck und Zwiebelchen. Und Bücher über Fußball schon gar nicht. Sicher, ich hab ein paar davon. Aber alles mehr oder weniger Zufallsprodukte. Fußball findet auf dem grünen Rasen statt. Meinethalben auch auf den Rängen oder in den Gazetten. ersatzweise im TV, wenn der Weg zum Stadion zu weit ist und man daher nur die Bidlschirme anbrüllen kann.  Und ja doch, ich schreib selber darüber. Dennoch mag ich Fußballbücher nicht.

 

Und nun sitze ich vor etwas, was diese beiden Themen vereint. Sie zu einer untrennbaren Einheit verwebt. Verwobt würde die Autorin wohl in ihrem als Stilmittel recht gern gepflegten Ostbrandenburgisch sagen. Stefanie Fiebrig aka @rudelbildung, für mich aber immer noch „La Lamm“ (so steht sie weiter in meinem Mobilfunkverzeichnis), hat es geschafft, mein Interesse zu wecken mit zwei Themen, die mich so gar nicht reizen – Kinder und Fußball. Ausnahmsweise nicht wordgepresst, sondern zwischen ein paar Pappdeckeln in schönstem Stadiongrün. Und mit einem treffenden Titel: Bring mich zum Rasen.

 

Der allein hat es ja schon in sich. Ist da das substantivierte Verb gemeint? Oder soll mich jemand zum Ort des Spielgeschehens geleiten? Auch hier steht zwei für eins. Steffi parliert munter vor sich hin. Nimmt uns mit auf eine beschauliche Reise, die wir gar nicht beenden wollen. Sie beschreibt ihre Liebe zum runden Leder, einst erwacht aus Liebe zu Menschen. Aus Momenten, in denen sie Authentizität einfangen wollte durch das Objektiv ihrer Kamera.

 

Locker flockig erzählt sie von ihrer Zuneigung zu Trikots und Farben. Und amüsiert sich selber über ihre eigene Unzulänglichkeit, das Trikot eines abgewanderten Fußballgottes adäquat ausfüllen zu können. Allein diese Passagen weckten ein ambivalentes Gefühl in mir. War es doch meine Wenigkeit, die ihr einst das Leibchens unseres ewigen Torwartes unserer Herzen verschafft hatte. Jan Glinker bleibt unsere Nummer 1, ungeachtet der Tatsache, dass er derzeit nicht mal bei einem Viertligisten seiner liebsten Berufsbeschäftigung nachgehen darf. Mit sehr viel Wehmut nahm ich daher einst zu Kenntnis, dass sie Avatar bei Twitter geändert hatte. Nicht mehr die die Rückenansicht besagten Leibchens zierte es, sondern ein wohlfeil gezeichnetes Selbstportrait. Ein Gelungenes muss ich sogar sagen. Denn wunderbar malen kann sie neben „schreiben“ auch, auch wenn sie in „Bring mich zum Rasen“ behauptet, dass sie so vieles nicht könne.

 

Dieses Buch liefert keine Ergebnisse, keine tiefschürfenden Analysen oder Hintergrundberichte. Es erhebt auch nicht den Anspruch, von Fußball Ahnung zu haben.  Es lebt von seinen Gefühlen und von seiner  Leidenschaft. Von den Geschichten über Menschen und den Geschichten, die die Autorin über sich preisgibt. Beispielsweise  von dem Testspiel, bei dem sie sich ihren Göttergatten geangelt hat und von dem sie heute nicht einmal mehr das Ergebnis weiß. Was wir hiermit ihr nachreichen: 2:1 ging’s aus im schönen Schöneiche an einem kalten End-Januar-Nachmittag des Jahres 2009. 2:1. Aber nicht für die Guten! Auch wenn da bei denen zahlreiche der ehemals Guten sich tummelten.

 

Diese Anekdoten mach „Bring mich zum Rasen“ lesenswert. Diese ungewohnte Perspektive, eine völlig andere Art des Draufschauens. Es ist ein Muss für Freunde des runden Leders. Egal welche Farben sie tragen. Weil es die Liebe zum seinem Klub nicht verbirgt oder mit großem Sendungsbewusstsein brutal vor sich herträgt. Es ist zeitlos quasi stellvertretend für alle Fans und ihre Fanwerdung. Und es hält überraschende Momente bereit.

 

Denn mal ehrlich, wer käme schon auf den Gedanke ein zweites Mal zu besingen? Nur Erbsensuppe wird aufgewärmt besser. Doch Steffi schon. Sie tut das .mit eiern Nonchalance, als würde sie mal eben in den Garten flip-floppen, um Gartenkräuter für das Abendbrot einzusammeln. So „schrub“ sie über das zweite Derby im Olympiastadion, nicht über jeden Abend im Februar 2010, an dem John-Jairo Mosquera, Torsten Mattuschka und  Torsteher Maikel Aerts – letzterer eigentlich auf der anderen Seite, aber dank seiner Mithilfe doch für einen Moment auf der Seite der Guten – unsterblich wurden.

Es ist nicht alles nur lustig. Manche Kapitel stimmen einen sehr nachdenklich. Und Melancholie tritt auf. Aber auch das ist großes Kino. Weil Steffi wieder wunderbar mit unserer Gefühlswelt spielt.

Und jetzt sitze ich hier und schreibe über etwas, was ich noch nicht mal zur Gänze kenne. Denn nach den ersten 30 Seiten hatte es mich schon so gepackt, dass ich eine Elegie darauf verfassen musste. Und die Gefahr, auf den folgenden Seiten enttäuscht zu werden, erachte ich als gering. Ich kenne Rudelbildungs Stil aus dem Stadtteilmagazin Maulbeerblatt oder ihrem Blog Textilvergehen, in dem sie sich leider in letzter Zeit viel zu wenig produziert. Und wenn nur durch Bilder  oder als Randgelächter bei den stets überlang daherkommenden Podcasts. Wenn es mir nicht weiter gefallen sollte, bin ich selber schuld. Das wäre so, als ob ich nach einem perfekten Date am Abend der jungen Dame leider sagen muss, es liegt an mir, nicht an ihr.

 

Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss aufhören. Da warten noch rund 190 weitere Seiten auf mich.

 

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