Ode an den Frühling

„Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Kauft euch eine Frühlingsrolle“, empfahl ich ihnen.

Eine Humorredaktion lässt sich weder durch Lesereinsendungen noch durch vermeintlich komische Bemerkungen aus der Reserve locken.

„Eine frühlingshafte Reportage“, sprachen sie unbeirrt weiter, „der Frühling …“

„Welcher Frühling?“ fragte ich höflich. „Der Prager Frühling? Der Frühling von Berlin? Frühling in Paris? Der, der mit Brause naht, oder der, dem’s vor Banden flattert?“

„Finden Sie komisch, wie?“ fragten sie gelangweilt. „Wir brauchen den Frühling, dem Geist unseres Verlages entsprechend seriös und von einer höheren Warte aus betrachtet.“

„Aha“, nickte ich ins Telefon. „Wetterwarte also.“

Sie legten auf, bevor ich das Wort „Vorschuss“ zu Ende sprechen konnte.

 

Frühling!

Ich könnte ja so viel über den Frühling, von besseren Poeten auch Lenz genannt, schreiben, wenn es nicht schon andere getan hätten. Ich könnte natürlich auch ein Gedicht erstellen. Lautengesang und Minnespiel, Tanderadei – Ich greife zum Pegasus. Lauf, Muse, lauf!

 

Zehn erfolgreiche Anfänge, kein Gedicht zu machen

Es ist schwer, im Frühling nicht zu dichten.

Die Bäume hängen voll unbeschriebener Blätter.

Die Bäckergesellen singen dem Brot vor: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein.“

Die jungen Mädchen verführen die jungen Männer, sie zu verführen.

In den Bäumen steigt der Saft, in den Städten die Mieten.

Die Natur macht sich für Farbaufnahmen zurecht.

Die Mädchen bekommen Formen, die Knaben Pickel.

Die Menschen sind so lieb zueinander.

Frühling ist wie Weihnachten im Sommer.

Für jeden wächst ein grüner Zweig, auf den er kommen kann.

 

Ein Dichter müsste man sein.

Es gibt ja auch Dichter, auf deren Reime sich keiner einen Vers machen kann. Ich kannte mal einen, der bezeichnete zerhackte Prosa als Gedicht und hatte auch sonst einen abstrakten Charakter.

„Ihr Gedicht“, sagte ich zu dem, „ist kein Gedicht, sondern gedruckter Salat. Sind das eigentlich noch Verse?“

Er sah mich so an, wie ich von ihm dachte. „Erlauben Sie mal!“ sagte er, „ich bin ein Dichter! Ich mache alles per Vers.“

Im Frühling sollen die Bäume aus- und die Mode einschlagen. Zumindest auf die Bäume kann man sich verlassen: Es sprießt in Wald und Flur, außer in unserem; wir sind eine hygienisch einwandfreie Familie ohne Kinder oder andere Haustiere.

 

Frühlingserwachen mit Hindernissen

Deswegen lass den Lenz uns grüßen, hinaus in die Natur und hinein…

Ich mache die Tür wieder zu. Draußen regnete es. Kalter Nieselregen. Regen! Jetzt! Im Frühling!

Zweiter Versuch. Ich blickte den Himmel so böse an, dass er heftiger zu weinen begann. „Das hättest du nicht tun dürfen“, sagte meine Freundin vorwurfsvoll.

Ein Pärchen umsteuerte vorsichtig die Pfützen und nieste sich liebevoll an. Die Vögel in den Ästen piepsten heiser und melancholisch vor sich hin.

Im Frühling gerät die Natur aus dem Wetterhäuschen. Drei Monate hat der Frühling, aber meist ist es April. Im Frühling geben die Meteorologen die Ankunft eines kräftigen Hochs oder eines ausgedehnten Tiefs bekannt. Beide sind meist nass.

Der Nachbar von nebenan klingelte und fragte, ob bei uns auch so schlechtes Wetter wäre und was man dagegen tun könne. Ich brach lautlos zusammen.

Böse Leute behaupten, die Luft in unserer Straße sei so gut, weil unser Nachbar meist die Fenster geschlossen halte.

„Machen Sie doch auch einmal eine Knoblauchkur“, empfahl er mir, als ich aus der Narkose erwachte. „Das macht munter. Blutreinigung, Entschlackung, das bringt den Kreislauf in Schwung.“

Ich war einer zweiten Ohnmacht nahe, aber der Nachbar öffnete eine Flasche selbstverdünntem Apfelwein den Hals.

„Die Liebe!“ Er nahm den Gesichtsausdruck an, den manche Leute für geistvoll halten. „Die Liebe ist die eigentliche Frühjahrskrankheit. Und dagegen gibt es keine Kur.“

Wir beschlossen, die Liebe zu suchen. An der Tür blieben wir stehen. Es regnete immer noch.

 

Der Frühling verläuft im Wasser

„Es regnet immer noch“, sagte meine Freundin und hielt mir anklagend die nasse Hand unter die Nase.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was Liebespärchen im Regen machen. Wahrscheinlich werden sie nass.

Ich kann mich noch dunkel an einen Frühling erinnern, der so war, wie er hieß. Vielleicht habe ich’s aber auch nur irgendwo gelesen. Da kamen die Mai- und andere nette Käfer vor. Da wurden die Schneeglöckchen auch ohne Schnee groß.

Da übten sich die Liebespärchen in einer Sprache, in der sie später mit ihren zweijährigen Kindern sprechen werden.

Telefon. „Wir brauchen was mit Frühling“, sagten sie.

„Gewiss“, knurrte ich. „Ich schreibe  gerade eine ulkige Geschichte, wie ein schüchterner junger Mann bei strömendem Regen …“

„Den Wetterbericht können wir in der Zeitung lesen“, meinten sie. „Optimismus! Lebensfreude! Frohe Zukunft! Lerchengesang“ Liebe! Waldesduft! Das sanfte Säuseln der …“

Ich legte traurig den Hörer auf..

„Was kann trauriger sein als dieses Frühlingswetter“, weinte ich. Eines weiß ich bestimmt: Wenn ich einmal eine Geschichte über den Herbst brauche, nehme ich die vom Frühling.

Meine Freundin stieß einen schrillen Freudenschrei aus.

„Das glaubst du nicht! Es hat aufgehört zu regnen!“

Ich sprang auf, kämmte mir die Haare und band mir eine Ausgehkrawatte um.

„Großartig! Tatsächlich? Im Ernst?“

„Bestimmt“, sagte sie. „es regnet nicht mehr. Es schneit.“

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2 Kommentare zu Ode an den Frühling

  1. Heike sagt:

    Vielen Dank…aus einem Schmunzeln wurde ein Grinsen, gefolgt von einem herzlichen Lacher. Das ist doch mehr als man erwarten darf. Sehr schöne Schreibe.

  2. Thomas sagt:

    „Sag mal Vati, was ist Liebe.“ Es regnet dieses Wochenen.de nicht. Aber Der frühling fängt ja auch erst näcste Woche an. Respekt.

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