Geld holen

„Wir treffen uns morgen alle um drei Uhr am U-Bahnhof Schönhauser“, sagt die Mutter zu ihren beiden Töchtern beim Abendessen. „Und ich werde Mathias vorher noch aus dem Kindergarten abholen.“ Die Kinder nicken.

Am nächsten Tag stehen die Mädchen, Dorit und Franziska, an der Treppe, die zur U-Bahn hinaufführt. Auf beiden Seiten fahren die Autos die Schönhauser Allee entlang. Aus dem Aufgang vom S-Bahnhof strömen die Menschen hoch über die Straße zur Straßenbahn oder zur U-Bahn. Es nieselt. Die Straßenlaternen leuchten bereits ihr fahles gelbes Licht. Die Straßen grau. Die Straßenbahn grau. Die orange Lackierung ist kaum noch zu erkennen. Auch die Menschen machen einen grauen Eindruck. Nur vereinzelt sind bunte Plastiktüten zu erkennen.

Mit schnellen Schritten kommt die Mutter, den zweijährigen Mathias auf dem Arm, von der Straßenbahn herübergelaufen. Ein Küßchen für die Mädchen und hoch geht es zur U-Bahn. Mit lautem Krachen fährt die weiß-gelbe Bahn ein. Auf der Fahrt wechseln die vier kein Wort. Umsteigen in die weinrot-weiße S-Bahn.

„Bahnhof Friedrichstraße. Endstation. Alles aussteigen!“ Die Massen laufen die Treppen hinunter. Vor dem Gebäude neben dem Bahnhof steht eine lange Schlange. Sie stellen sich hinten an. Nach kurzer Zeit fragen die Kinder bereits: „Wie lange dauert es noch?“ Die Kleinen wirken etwas verloren zwischen den großen Leuten.

Nach etwa einer Stunde erreichen sie den Eingang. Innen betreten sie einen schmalen Gang, der von Neonröhren erleuchtet ist. Oben hängen Spiegel. Links und rechts befinden sich Fenster. Dahinter Uniformierte. „Den Personalausweis!“ Die Mutter legt das blaue Heftchen auf die Durchreiche. Der Stempel saust nieder und große Hände schieben das Dokument wieder zurück. Weiter geht es den langen Gang. Biegung nach links. Biegung nach rechts. Dann wieder Uniformierte. Doch diese winken nur durch. Jetzt Treppen hoch. Wieder links herum und wieder hoch. Die vier stehen wieder auf einem S-Bahnsteig. „Mutti, wo sind wir? Sind wir schon in Westberlin?“ – „Ja.“ – „Sieht aber schmutzig aus.“

Die S-Bahn sieht genauso aus wie vorhin. Nur die Lackierung ist anders. Ocker und rot. Auf den Stationen steigen wenig Menschen ein oder aus. Erst am Bahnhof Zoo wird es unübersichtlich. Überall liegt Müll. Menschen liegen auf dem Pflaster. Menschen hasten daran vorüber. „Fasst euch alle an den Händen und lasst nicht los!“ fordert die Mutter mit eindringlicher Stimme. Dann gehen sie los zur Gedächtniskirche. Ab und zu halten sie an, weil die Mutter Passanten fragt. Die Kinder achten nicht auf die Mutter. Franziska knufft Dorit in die Seite und zeigt auf ein Werbeplakat. „Schau mal! Da steht „“Попробуйте Вест!“ Und zur Mutter gewandt: „Warum schreiben die hier Russisch?“ Die antwortet nervös: „Sei ruhig! Und sprich nicht darüber!“

Sie verschwinden in einem U-Bahnhof, vor dem sie noch einen Falkplan geschenkt bekommen. „Mit den aktuellen Grenzübergängen!“ steht darauf geschrieben. „Osloer Straße. Wir müssen zu Osloer Straße“, murmelt die Mutter vor sich hin. Den Stadtplan steckt sie in ihre Handtasche, die sie eng an sich gepresst trägt. Sie steigen in eine orange U-Bahn ein. Wobei sie mehr hineingedrückt werden, als dass sie selbst gehen. Die Bahn ist so voll, dass es selbst für den kleinen Mathias keinen Sitzplatz gibt. Angeboten wird dem Kind auch keiner.

Als sie aus dem U-Bahnhof Osloer Straße an die Erdoberfläche kommen, stehen sie an einer großen Kreuzung. Die Mutter versucht den Falkplan zu öffnen. Dabei zerreißt er beinahe. Es ist bereits dunkel. „Können sie mir sagen, wo ich die Sparkasse finde?“ fragt die sie anschließend einen Passanten. Der zeigt quer über die Kreuzung auf das rote „S“. Davor sieht man eine kurze Schlange. Bei der Überquerung der Kreuzung werden sie von zwei türkischen Jungen überholt, die beide eine kleine Coladose so zertreten haben, dass diese die Schuhe eingeklemmt haben. Es klingt als ob ein Einbeiniger mit Dosenbein über den Asphalt läuft.

In der Sparkasse am Schalter für das Begrüßungsgeld. „Ich möchte das Begrüßungsgeld für meine Mann, mich und unsere drei Kinder abholen.“ Die Mutter reicht ihren Personalausweis und den des Vaters hinüber. „Wo sind denn die Kinder?“ fragt die Frau hinter dem Schalter. „Dorit! Franziska! Kommt mal mit Mathias her!“ Die Kinder treten vor das Glasfenster. „Und ihr Mann?“ – „Der ist dienstlich verhindert. Konnte nicht mit rüber kommen.“ Wieder saust der Stempel nieder. Mehrfach wird in den blauen Ausweisen dokumentiert, dass das Geld ausgezahlt wurde. Anschließend zählt die Frau der Mutter 500 D-Mark in die Hand. Die Kinder bekommen große Augen. „Ich will ein Telespiel!“ ruft Dorit. „Und ich ein Comic!“ sagt Franziska. „Seid ruhig! Wir kaufen heute gar nichts. Das besprechen wir mit Vati zu Hause.“ herrscht die Mutter die überdrehten Kinder an.

Die Rückfahrt verläuft ruhig. Mathias schläft bereits in den Armen der Mutter. Dorit und Franziska sind enttäuscht. Die anderen Kinder in der Schule waren bereits gleich nach der Grenzöffnung drüben gewesen und haben viele neue Sachen mitgebracht. Ein Telespiel wäre das gewesen, das sie sich schon seit Jahren erträumt hatten. Wenn nur der Vater mitgekommen wäre.

Dieser Beitrag wurde unter Geschrieben. veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Geld holen

  1. Mu sagt:

    Du hast das Gefühl der Unsicherheit und Angst der Mutter sehr gut nachempfunden ,ich glaube der Rest waren Deine Empfindungen??
    Wenn Du auch nie darüber gesprochen hast ,ist es gut es zu lesen.

  2. Cara sagt:

    Danke für diese und alle „Eure“ Geschichten, Sebastian.
    Ich bin froh, wenn Ihr sie erzählt, wenn Ihr nicht damit aufhört, auch wenn manche sagen, dass man diese „alten Geschichten“ doch lieber ruhen lassen sollte.

    Ich will sie kennen.

Schreibe einen Kommentar