Flieg, kleiner Zauberuli, flieg!

Des Künstlers ArbeitsplatzBerlin hat sich verändert. Statt Bier wird auf Spielplätzen Latte Macchiato getrunken. Plattenbauten zogen die graue Kittelschürze aus und warfen sich sich in ein buntes Hawaiihemd. Es gibt Kunst im Wedding. Da ist es schön, eine Konstante zu haben. Berliner Taxifahrer. Sie sitzen da auf ihren Kunstfellen, schälen sich unbeholfen aus den Autos, um („Ich hab’s im Kreuz!“) dem Fahrgast beim Koffereinladen zuzusehen. Ist der Fahrgast erst im Wageninneren gefangen, bekommt er ungefragt die Meinung des Taxifahres („Ich bin ja kein …, aber dass die … … geht ja echt nicht.“) unter die Nase gerieben.
Aber keine Medaille ohne die zweite Seite. Direkt am Hermannplatz in Neukölln erhebt sich monumental das Kaufhaus Karstadt. Dort oben im Dachgarten über Neukölln stellt Uli Hannemann sein neues Buch „Neulich im Taxi“ vor. Da sitzt er oben auf der Bühne und hat das einzige Bier im Raum vor sich zu stehen. Alle anderen müssen, so schreiben es die ehernen Lesungsregeln vor, bei Weißwein und Brezel den Ausführungen des Künstlers folgen. Und da ersteht es vor dem Publikum auf, das Pendant zum lokalen Taxifahrer: der Berliner Fahrgast. Maulig und selbstbewusst, herrisch und selten Herr der eigenen Lage, formt er in kürzester Zeit aus einem gesunden jungen Mann den zynischen, runden Berliner Taxifahrer. Jetzt begreifen alle im Raum, dass jeder Satz des Kutschers lediglich ein preemptive strike gegen den pöbelnden Fahrgast ist. Vorwärtsgerichtete Verteidigung gegen die Nackenschläge durch die Kundschaft. Und wenn es ein roter Libanese ist, der den Fahrer von seinem Leid erlöst, so schüttelt niemand im Publikum mit dem Kopf.

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