Flieg, kleiner Zauber-Uli, flieg!

Ein Satz! Um Himmels Willen, gib mir einen ersten Satz. Oder wenigstens ein Wort, dass ich weiß, wie ich einsteigen kann mit dieser von keinem geforderten, mir aber selbst auferlegten Kritik. Warum? Weil es mir ein Bedürfnis ist. Und weil ich es kann. Ist ja schließlich auch mein Blog hier ;-). Aber lassen wir das.

Kommen wir lieber zu wichtigen Dingen. Zu Frederic Valin, beispielsweise, vielen auch bekannt als @Freval und Mit-Autor des unnachahmlichen Blogs Spreeblick, dem wir trotz zufälliger Anlautähnlichkeit im Blognamen weder das Wasser reichen wollen noch können. Wo war ich? Ach ja, dass Fred es einfacher hatte am Mittwoch Abend als ich jetzt, dem partout gerade kein Beginn einfallen will. Denn der konnte in seiner neuen Lesereihe "Read on my dear – Die Lesebühne mit Spreeblick" zunächst einmal routiniert auf gewohnte Eröffnungswortritualhülsen zurückgreifen, die er nach gekonnt abgespultem Pensum angesichts der Massen, die sich da in der Yuma-Bar drängelten, doch leicht süffisant – Freval halt – variierte. Seine Anmoderation des Abendgastes ("Habt ihr alle einen Platz gefunden") konterkarierte er in gleichem Atemzug mit einem munteren "Hö,hö", denn es war unübersehbar, dass  Uli Hannemann den "Saal" erwartungsgemäß aus allen Nähten platzen ließ.

Da störte es auch nicht, dass  die in Neukölln beheimatete  Lesebühne entgegen des Untertitels keinerlei Spreeblick zuließ, schließlich war der Vortragende Anblick genug und seine Worte Genuss pur. Um es kurz zu machen, wer nicht da war, war selber schuld. Uli Hannemann produzierte nämlich nicht nur eine Werkschau seiner zurecht beliebten, aber nicht ganz unbekannten Kiez-Beobachtungen aus  "Neulich in Neukölln" und Droschkenkutscher-Erlebnissen  "Neulich im Taxi", sondern ließ dem Publikum zahlreiche unabgedruckte Manuskripte zu Ohren kommen, dass es nur so eine Freude war. Dass er dies auch noch in umgekehrt chronologischer Reihenfolge als  dem klassischen Jahreszeitenrhythmus offerierte, sich vom jüngsten Werk zum Ältesten quasi zurückzauberte, steigerte das Vergnügen nur.

Köstliche abstruse Quervergleiche riefen immer wieder Lachsalven hervor. Beispielsweise die trockene Feststellung in "Champagner Laune", dem Opener des Abends, dass dieser edle Perlwein doch auch nur "das Sternburg der Krise der digitalen Penner und der Generation Praktikum" sei. Solchermaßen eingestimmt,  bat Hannemann in "Deutscher Herbst" in verquerer und dennoch einleuchtender Logik um Mitleid für einen Exhibitionisten, der extrem darunter leidet, dass er "seinen Beruf" verfehlt hat. Gezielt nahm er auch die zugereiste Prenzl-Berger Schickeria aufs Korn, die in ihrer gutbürgerlichen Überheblichkeit und mit reichlich Standesdünkel und wildgewordenem Mütterstolz versehen, vehement für eine "Freilandhaltung asozialer Gestalten eintreten", die es wagen, bei Rot über die Ampel zu gehen und damit der nachzuzüchtenden Brut einen irreparablen geistigen Schaden zufügen.

En passant erfuhr man in "Für immer und ich", warum man schon durch ein einfaches Hallo sein Leben aufs Höchste gefährden konnte. Man musste innerlich mitaufstöhnen, wenn in "Früher Vogel schmeißt den Wecker an die Wand" der Protagonist zu so nachtschlafender Stunde aus Morpheus Armen gerissen wird, dass der "Blick aus dem Fenster körperlich schmerzt". Hörte von ungewollter, mehr aus Höflichkeit den stolzen Spendern gegenüber – man kann sie ja schlecht durch Ablehnung ihrer Großherzigkeit beleidigen – gemachter Bewusstseinsveränderung, die den "kleinen Zauber-Uli" in seinem Taxi zum Fliegen brachten

Sex kam auch nicht zu kurz. Von den Vorzügen der Penetration durch eine Wespe wurden wir in "Tierliebe" unterrichtet und zugleich einer Korrektur unseres Wertesystems angemahnt, weil echte Tierliebhaber sehr wohl mit dem geflügelten gelb-schwarzen Stichling Strecke zu legen wüssten, nicht aber mit kleinen Katzen. Zudem – wenn auch schonend – konfrontierte uns des autobiographischen hochgradig verdächtige Autor mit der äußerst schmerzhaften Erkenntnis,   dass er für die Antologie schlimme Erfahrungen im Bereich der körperlichen Liebe leider eine Geschichte erfinden musste, weil er mangels eigener Negativ-Erfahrung sonst zu dem epochalen "Sex – von Spaß war nie Rede" nichts hätte beitragen können.

Es war wieder eine mit  rauem Charme, teils deftigem Vokabular und ironischem Augenzwinkern von sonorer Stimme vorgetragene Liebeserklärung an das Leben im Allgemeinen und an Berlin  im Speziellen. Davon könnte man viel, viel  mehr brauchen.

Fotos: Sebastian Saumselig

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3 Kommentare zu Flieg, kleiner Zauber-Uli, flieg!

  1. fred sagt:

    Och, so viele nette Worte. Ich bin gerührt.

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  3. stoertebeker sagt:

    Dieser Rückblick macht definitiv Lust auf Mehr und ich könnte mir in den Arsch beissen, nicht dagewesen zu sein. Allerdings sind wir im Prenzlauer Berg nicht alle dünkelbehaftet und mit Kindern ausgestattet. Es gibt noch vereinzelte, bindungslose Hedonisten wie mich, die mittlerweile überwiegend in Friedrichshain feiern gehen müssen. Irgendwer muss ja die Fahne hoch halten.
    Wir sehen uns!

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