Die sieben Söhne der Frau Woche (VI)

Der Samstag

Irgendwie konnte ich nicht umhin: Die ganze Nacht über musste ich an die sieben Brüder und ihren überstürzten Aufbruch letzten Abend denken. Sie hatten gesagt, dass sie sich mit ihren älteren Verwandten treffen wollen. Das klang geheimnisvoll; und da ich immer so neugierig bin, musste ich erfahren, was bei diesem Familientreffen geschah.

Nachmittags ging ich also wieder in den Park zu unserem Treffpunkt. Ich versuchte, so gelassen wie nur irgend möglich zu sein, um zu verbergen, dass ich fast vor Neugierde platzte. Aber als ich im Park ankam und die Brüder sah, ging mir das Herz über.

„Ihr seid gestern so schnell verschwunden… Wo wart ihr? Was habt ihr erlebt? Und vor allem – wer sind eure Großonkel?“

Die Fragen sprudelten nur so aus mir heraus. Meine Gegenüber hatten fast keine Gelegenheit, mir zu antworten. Irgendwann aber unterbrach mich der Samstag:

„Leo“, (der Samstag nannte mich als einziger bei meinem Spitznamen und nicht so ernst „Leopold“) – „Du musst wissen, dass unsere Familie weit verzweigt ist. Unsere Mutter ist die Woche, wie du weißt. Wir haben zwölf Großväter, die die Monate genannt werden. Unser Urgroßvater ist das Jahr, und der wiederum hat kleinere Geschwister. Das sind unsere Großonkel, und mit denen trafen wir uns gestern.“

„Von den Monaten weiß ich schon etwas“, gab ich zurück, „und das Jahr macht mich immer etwas größer. Jetzt bin ich fünf und in einem Jahr bin ich sechs Jahre alt. Dann komme ich in die Schule. Und wenn ich so alt bin wie meine Mutter – ich zeigte dabei alle zehn Finger –, dann kann ich so lange wie ich will bei Euch hier im Park bleiben.“

Der Samstag lachte. „Deine zehn Finger werden nicht ausreichen, um alle Jahre in deinem Leben zu zählen. Aber nimm erst einmal vier Finger, und damit zählst du unsere Großonkel.“

Dieser kluge Samstag! Er war der einzige der Brüder, der zwei Namen hat: Man nennt ihn auch Sonnabend, aber das mag er nicht, weil er den Vormittag liebt und nicht so gern auf den Abend reduziert werden möchte. Und, eitel wie er wohl ist, möchte er doch wenigstens an einem Tag in der Woche der Größere sein gegenüber dem so ruhigen und schweigsamen Sonntag.

Jetzt aber hatte er mich wirklich überrumpelt und wieder auf das vorhergehende Gespräch zurück gebracht.

„Erzähle bitte, lieber Samstag“, bat ich, „wer sind denn eure Großonkel, die so wichtig sein müssen, dass ihr gestern so überstürzt aufbrechen musstet?“

Wieder lachte der Samstag. „Unsere Großonkel sind wichtig, unbestritten. Aber sie sind anders als wir. Wir kommen mit aller Regelmäßigkeit jede Woche wieder, tagein-tagaus, jahrein-jahraus. Sie nicht. Sie versuchen, sich in ihrem Ablauf so lange zu behaupten, wie es nur geht. Sie stören sich, wenn der eine versucht, gerade stark zu werden, sie mischen sich dazwischen, wenn einer gerade mal eine Schwäche zeigt. Sie sind stets stänkernde, miteinander ringende Zeitgenossen. Aber siegen wird immer nur der, der gerade an der Reihe ist.“

Ich wurde jetzt sehr ungeduldig. „Wer sind denn nun eure Großonkel, kenne ich sie? Und wenn sie nur stänkern – werde ich sie mögen?“

„Ja“, beruhigte mich der Samstag, „du kennst sie und du magst sie auch. Es ist nur so, dass, wenn einer fortgeht, du ihm hinterher trauerst. Nicht lange, denn der nächste zieht dich alsbald in seinen Bann.“

Meine Ungeduld kannte jetzt keine Grenzen mehr. Fast hätte ich mich auf den Boden geworfen und geschrien wie ein Dreijähriger, um die Antwort zu erzwingen. Aber der Samstag kam mir mit einem Rätsel zuvor.

„Unsere Verwandten haben uns ein Gedicht für dich mitgegeben. Und nachdem du dieses gehört hast, solltest du wissen, wer unsere Großonkel sind.“ So sprach er, holte einen Zettel hervor und begann zu lesen:

„Was ist das nur, warum muss ich so frieren?
Noch gestern war doch so ein warmer Tag.
Den Sommer mag ich gar nicht gern verlieren,
weil ich die Sommersonne doch so mag.

Doch kurze Hosen reichen nicht mehr aus.
Die dicken Socken trage ich – für alle Fälle.
Der Wind pfeift wild, und geh ich aus dem Haus,
seh‘ ich bei anderen schon Schneebälle.

Jetzt gehen die Laternen an:
so früh wird’s heut schon dunkel.
Bald kommt zu uns der Weihnachtsmann
(so wird zu Haus gemunkelt).

Ich überlege, was das alles sei
und komme wie von selbst dahinter:
Sommer und Herbst sind längst vorbei!
Und jetzt ist Winter.“

Und während ich noch über dieses Gedicht nachsinne, verschwinden meine Freunde und lassen mich allein zurück auf der Wiese im Stadtpark. Es beginnt zu schneien, und so beschließe ich, nach Hause zu rennen, bevor mir richtig kalt wird.

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Ein Kommentar zu Die sieben Söhne der Frau Woche (VI)

  1. Freue mich jetzt schon auf das große Finale.

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