Die sieben Söhne der Frau Woche (V)

Der Freitag

Wie jeden Tag konnte es mir auch heute nicht schnell genug gehen, in den Stadtpark zu laufen und meine Freunde zu treffen. Meine Mutter wollte mich aber nicht gehen lassen, bevor ich nicht mein Zimmer aufgeräumt und alle Spielsachen und Bücher ordentlich in das Regal geräumt hätte. Nicht ohne zu murren folgte ich ihrer Aufforderung.

Dann, endlich, konnte ich in den Park laufen, wo mich meine Freunde freudig begrüßten. Der Freitag, der heute der größte der sieben Brüder war, fing sogleich an, mir eine Geschichte zu erzählen:

„Leopold, junger Freund“, begann er ohne Umschweife, „ich habe noch einmal über die Geschichte nachgedacht, die der Donnerstag Dir gestern erzählt hatte. Wenn unser Gehirn uns vorgaukelt, dass ein Weg mal länger, mal kürzer zu sein scheint, muss das aber nicht immer mit Ungeduld oder Scham zu tun haben.“

Er holte ein kleines Büchlein aus der Tasche und blätterte darin. „Mein Freund, der Tille-Peter, hatte einmal eine Geschichte über einen berühmten klugen Mann geschrieben. Dieser Mann hieß Einstein. Jeden Morgen ging Einstein auf dem Weg zur Arbeit die Straße entlang und traf viele Menschen. Alle grüßten ihn, und er grüßte freundlich zurück. Wenn er dann endlich an seinem Schreibtisch saß, dachte er: ‚Das war aber ein langer Weg!‘

Eines Tages nun holte ihn ein Kollege mit dem Auto von zu Hause ab. Er hatte kaum Zeit, die Nachbarn zu sehen, so schnell flogen die Gesichter an ihm vorbei. Und zum Grüßen kam er auch nicht. Als er dann in seinem Büro anlangte, dachte er verwundert: ‚Das war heute aber ein kurzer Weg!‘ Dann setzte er sich hin und schrieb ein dickes, wichtiges Buch über sein Erlebnis.“

„Er konnte ein ganzes Buch über seinen Arbeitsweg schreiben?“ fragte ich ungläubig.

„Ja, das konnte er“, lachte der Freitag. „Weil Einstein so ein kluger Mann war, fand er heraus, dass ein Weg länger oder kürzer sein kann, je nachdem, wie schnell man ihn zurück legt. Geht er den Weg zu Fuß, kommt ihm der Weg lang vor, sitzt man aber im Auto oder in der Bahn, verkürzt sich scheinbar der Weg. Und dass, obwohl man sich im Automobil gar nicht selber bewegt.“

„Und wenn ich im Zug ganz schnell ganz nach vorne renne?“ wollte ich es genauer wissen.

„Dann bist du auch nicht schneller am Ziel. Du bewegst dich ja nur im Zug, aber nicht auf dem Weg. Der Zug oder das Auto hingegen bewegt sich nur in Bezug auf den Weg, auf die Erde also. Und die Erde wiederum bewegt sich um die Sonne. Und so hat jede Bewegung einen Bezugspunkt und damit auch jede Zeit und jedes Zeitgefühl. So etwas nennt man Relation.“

Mir schwirrte der Kopf. Das war aber auch schwer zu verstehen! Ich sah den Freitag fragend an.

„Ich weiß“, meinte dieser daraufhin, „das ist nicht leicht zu begreifen. Deswegen hat der Herr Einstein ja auch so ein dickes kluges Buch darüber geschrieben, damit viele andere kluge Menschen sich den Kopf darüber zerbrechen und neue dicke Bücher darüber schreiben können.“

Er gab mir daraufhin das kleine Büchlein von Tille-Peter in die Hand. „Vielleicht kann dir deine Mutter es ja heute abend vorlesen. Wir müssen jetzt nämlich gehen, weil wir uns mit unseren vier Großonkeln treffen wollen. Doch davon erzählen wir dir später einmal.“

Eine kurze Weile später war ich allein. Ich blätterte in dem Buch und nahm mir fest vor, später alles über diesen klugen Herrn Einstein zu erfahren.

Peter Tille: Einstein mit der Geige

Peter Tille: Einstein mit der Geige

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