Die sieben Söhne der Frau Woche (IV)

Der Donnerstag

Es hatte den ganzen Tag geregnet  und ich musste über viele große und kleine Pfützen springen, um in den Stadtpark zu gelangen. Ich befürchtete schon, die Brüder würden heute nicht an unserem Treffpunkt sein, und so beeilte ich mich umso mehr.

Doch wie ich auch flitzte – der Weg wollte heute einfach nicht enden. Er schien sogar immer länger zu werden! Doch schließlich, nach einer schier ewigen Weile, kam ich im Park an und sah auch schon von Weitem meine Freunde.

Ich begrüßte jeden von ihnen artig, bevor es aus mir heraus sprudelte:

„Ich weiß nicht, was heute mit dem Weg hierher geschehen ist, aber er war heute so viel länger!“ Dabei streckte ich meine Arme ganz weit auseinander, um meinen Satz noch dramatischer zu gestalten.

Der Donnerstag lächelte. „Ja, solche Dinge gibt es. Manchmal erscheinen uns die Dinge anders als an anderen Tagen. So erschien dir der Weg heute länger, weil du so ungeduldig warst, und in deiner Ungeduld hat dir dein Kopf einen Streich gespielt.“

Ich überlegte, wusste aber immer noch nicht, worauf er hinaus wollte. „Warum sollte mir mein Kopf einen Streich spielen?“ fragte ich ihn.

„Nun, ich will versuchen, es dir an zwei Beispielen zu verdeutlichen.“ Er rückte sein Regencape zurecht, das ihm verrutscht war, und nach einer Pause, die mir unendlich vorkam, fuhr er fort.

„Du kennst doch uns Wochentage sehr genau, Leopold. Normalerweise ist jeder Tag gleich lang. Er beginnt mit dem Aufstehen, dann gehst du in den Kindergarten, spielst noch eine Weile oder besuchst uns hier. Abends geht es ins Bett und du träumst vielleicht von aufregenden Abenteuern. So vergeht ein Tag wie der andere, jeder gleich lang, so wie auch jede Woche gleich lang ist.“

Ich nickte zustimmend, wollte ihn aber  in seiner Rede nicht unterbrechen.

„Aber erinnerst du dich an die Zeit vor Weihnachten? Jeden Morgen sprangst du aus dem Bett, um schnell das Fensterchen deines Adventskalenders zu öffnen. Und obwohl du genau sehen konntest, wieviele geschlossene Türchen noch da waren, fragtest du deine Mutter jeden Tag, wann denn nun endlich Bescherung sei.“

„Einmal habe ich sogar alle Türen gleichzeitig auf gemacht, und hoffte, dass Weihnachten dann gleich kommt“, unterbrach ich den Donnerstag.

„Und? Du musstest noch genau so lange warten. Und jeder Tag wurde länger als der vorige, weil du dich so voller Ungeduld auf das Fest freutest. Die Tage und Stunden waren aber nicht wirklich länger, es kommt dir nur so vor. Das meinte ich, als sagte, dein Kopf hätte dich zum Narren gehalten.“

Jetzt verstand ich es. Also war der Weg heute doch nicht länger gewesen! Der Donnerstag unterbrach mich aber in meinen Gedanken und setzte seine Erzählung fort.

„An manchen Tagen ist es aber genau anders herum. Erinnerst du dich an den Tag, als du mit deinem Ball aus Versehen eine Fensterscheibe getroffen hattest?“ Ich nickte. Zu genau konnte ich mich daran erinnern. Damals hatte ich Angst, nach Hause zu gehen und es meiner Mutter zu beichten.

„Dann entsinnst du dich doch daran, dass der Weg nach Hause so kurz wurde und du, obwohl du besonders langsam liefst, keine Zeit mehr hattest, dir eine Ausrede zu überlegen. Auch hier hat sich dein Verstand einen Scherz mit dir erlaubt und dir die Zeit kürzer vorkommen lassen.“

„Ja, so war es!“ rief ich. „Und meine Eltern hatten auch gar nicht geschimpft, sondern mich nur lachend in den Arm genommen und ‚Na endlich!‘ gesagt. Seitdem benutze ich auch keine Ausreden mehr, wenn ich mal Unsinn mache.“

„Und das ist auch richtig so. Denn sowohl mit einem schlechten Gewissen als auch mit zu viel Ungeduld im Bauch fühlt man sich nicht wohl.“

Wir redeten danach noch ein wenig über dies und das, bis die Brüder mir sagten, dass der Moment gekommen wäre, nach Hause zu gehen.

Bis morgen, meine Freunde!

Dieser Beitrag wurde unter Geschrieben., GLitterarisches. abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar