Der Schneefluch

„Eine Reportage?“ fragte ich nochmals.

„Ja!“

„Über den Winter?“

„Ja!“

„Jetzt? Bei der Kälte?“

„Ja!“

„Nun denn“, seufzte ich mutig. „Des Reporters Los ist hart. Nur, ich kann – also um es mal sozusagen so zu sagen: Ich habe mir mal sechs Zehen erfroren, und nun…“

„Na und?“ fragte der Redakteur unbeeindruckt. „Schreiben Sie mit den Füßen?“

Die Meteorologen bezeichneten es vornehm als das tiefste Tief, dass es jemals an einem 10. Dezember gegeben habe. Sie sagten es so stolz, als hätten sie es selbst gemacht.

Ganz uralte Leute erzählen gern noch, wie schön kalt die Winter früher waren, damals, vorm Krieg. Sie klappern heute noch mit den Zähnen, wenn sie daran denken, wenn es auch nicht mehr die gleichen Zähne sind.

Ich kenne eine Menge Leute, die schwärmen für einen richtigen Winter. Kohlen- und Stromhändler, Gastwirte und Schlittschuhschleifer.

Der Winter kann ja so schön sein.

Schnee! Nasser, überstiefelrandhoher Schnee. Und Frost, so ein knackender Nachtfrost, Bodenfrost, Feinfrost oder Schüttelfrost!

Und dann nicht ‘raus müssen, sondern am Ofen sitzen und Grog trinken.

Mit den Heizungskosten geht es aufwärts und mit den Skiläufern abwärts. Die Menschen verhüllen ihre Reize und sehen trotzdem gut aus, viele sogar besser.

Ein Eisbärjunges verwünscht zitternd seine Eltern.

Im Winter haben Schnapstrinker eine glänzende Ausrede, und auch eine rote Nase fällt nicht mehr auf.

Menschen ohne Zentralheizung waschen sich morgens nicht mehr gern.

Die Hunde frieren an den Bäumen fest.

„Man müsste mal dahin fahren, wo der Winter am winterlichsten ist“, sagte meine Freundin.

„Alaska oder Sibirien?“ fragte ich ängstlich.

Wir einigten uns auf den Fichtelberg. Deswegen, weil da immer Schnee liegen soll, und aus sentimentalen Gründen, weil der Fichtelberg das Höchste war, was man in der DDR erreichen konnte.

Schicksal auf der Landstraße. Erst auf Glatteis, dann mit Grundeis. An der Ostsee, wo kein Mensch Auto fährt, lassen sie den Sand dünenweise herumliegen, aber hier…

Als wir uns vom letzten Baum erholt hatten, trat ich auf die Bremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich zerrte an der Handbremse. Der Wagen fuhr weiter. Ich gab Gas. Die Räder wühlten sich ein bequemes Bett in den Schnee. Der Wagen stand.

„Jetzt müssen wir schieben“, weissagte meine Freundin. „Versuchen wir’s mal. Ein bisschen frische Luft wird dir gut tun.“

Die frische Luft bewegte sich mit hundert Stundenkilometern die Straße entlang und schoss mit kleinen Eisnadeln. Ich schob, sie dirigierte.

Wind, Schnee, Schnee, Schnee. Der Winter steckte mitten in den Wehen. Mein Ischiasnerv erwachte aus dem Sommerschlaf.

Ich knirschte mit den Zähnen, der Schnee mit meinen Schuhen. Der Wagen sprang an.

An der Seilbahn hing ein Schild: „Auf- und Abspringen während der Fahrt verboten!“

„Hat das schon mal einer versucht?“ wollte meine Freundin wissen.

„Immer nur einmal“, sagte der Schaffner traurig. „Aber sehen Sie da drüben die zersplitterte Fichte?“ Er nahm die Mütze ab und legte sein Gesicht in kondolierende Falten.

Unter solch fröhlichen Erzählungen schwebte die Bahn in die Höhe. Bei jedem Windstoß schwankte sie aufregend.

Wir waren eintausendzweihundert Meter über dem Meeresspiegel. Im Tal wehte ein leichtes Lüftchen. Hier oben tobte der Wind in freier Wildbahn. Irgendwo habe ich mal Bilder gesehen, da liefen die Menschen in Badebekleidung oder mit noch weniger Ski. Am Fichtelberg müssten sie wenigstens Socken anziehen.

Ein dickes Ehepaar rutschte auf den Hintern den Berg hinunter. Vielleicht sah man auch bloß den Schlitten nicht.

Ich setzte mich auf einen verschneiten Baumstumpf. Er kippte um. Die Skiläufer waren später im Tal als ich.

Ein einsamer Grippebazillus trampelt in meiner Nase herum.

Eine Baude versöhnt einen mit dem härtesten Winter. Die Leute waren mir alle gleich sympathischer, wenn sie keinen Wintersport mehr trieben.

„Zwanzig Grad Kälte sind draußen“, sagte ein Herr am Nebentisch und trank pro Grad einen Doppelten.

Dann unterhielten sie sich über die Möglichkeiten, den absoluten Nullpunkt zu erreichen. Entweder waren es Politiker oder Ökonomen.

Der Wind heult um die meteorologische Station. Hier fühlt er sich, hier wird er gemessen, registriert und als Vorhersage nach Berlin geschickt.

Meine Freundin ist im Nebel von der Sprungschanze gefallen.

Mein einsamer Bazillus hat neue Freunde gefunden. Jetzt habe ich Husten, ein paar erfrorene Zehen und eine angehende Mittelohrentzündung.

Ich mache mir eben nichts aus dem Winter.

Das Ferngespräch aus Berlin habe ich ignoriert. Soll der doch mal von seinem Schreibtisch aufstehen und seine Reportagen allein schreiben. Bei zwanzig Grad!

Vorhin kam eine Karte.  Von ihm.

„Habe Sie leider nicht erreicht. Musste daher Reportage in Kairo selbst übernehmen. Angenehme zwanzig Grad hier.

Frost Neujahr!“

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