Azrael

(Ein Beitrag zu „Teuflische 666 Wörter ohne Anglizismen“)

von Klaus Schrage

Kein Zweifel, mit seinem Leben war Azrael nicht mal unzufrieden. Gut, als Abgesandter des Teufels war er auch für unschöne Dinge zuständig. Aber auf Planeten mit Lebewesen gibt es eben immer einen Verdrängungswettbewerb. Und der muss stattfinden, so unerfreulich das manchmal ist.

Das Böse brauchte also einen Vertreter auf Erden. Weil er aber die Menschen mehr mochte, als ihm das von Satan zugestanden war, bemühte sich Azrael darum, die Folgen seines Handelns in Grenzen zu halten. Im Grunde seines Herzens war er ein Witzbold, der nur spielen wollte. Sicher, ein kleines Erdbeben musste er gelegentlich veranstalten. Schon, um den Herrn der Unterwelt zu besänftigen. Aber sonst war Azrael mit sich selbst im Reinen. Er hatte es, da war er sich sicher, nie zu schlimm getrieben.

Es hatte es ja auch gut erwischt. Er war mit viel Geld ausgestattet worden, er wurde von anderen Menschen umschwärmt, die Öffentlichkeit hing an seinen Lippen, wenn er sprach. Er hatte schöne Frauen, wenn ihm danach zumute war.

Es wäre alles schön oder gar perfekt gewesen, wenn da nicht dieses Problem mit dem Haarausfall gewesen wäre. Um ihn gut zu tarnen, hatte ihn das teuflische Entsendungskomitee nämlich ganz bewusst mit verbreiteten menschlichen Schwächen ausgestattet. Er war ein bisschen klein geraten. Sein Gesicht begann im Laufe seines Menschenlebens unerträglich tiefe Falten zu werfen. ‚Die konnte er von Fachleuten beseitigen lassen. Aber den Haarausfall?

Irgendein Trottel aus der teuflischen Lebewesenforschung war der Überzeugung, dass jeder Menschenmann im Laufe seines Lebens sämtliche Haare verlieren würde. Also wurden die Abgesandten so geschaffen, dass sie diese Nebenwirkung des Alterns garantiert bekommen würden. Das wäre aber noch nicht einmal das Ärgernis gewesen. Schließlich hatte Azrael die Erfahrung gemacht, dass nicht wenige Frauen einen blanken Schädel im Unterbewusstsein als penisartiges Gebilde wahrnehmen. In Verbindung mit reichlich Geld wirkte das durchaus anziehend.

Sorgen bereiteten ihm aber die beiden Hörner am hinteren, äußeren Teil seines Teufelskopfes. Diese waren dazu da, um gewissermaßen die nachrichtliche Substanz von Schreckensmeldungen aufzunehmen. Immer, wenn etwas passierte, wuchsen sie ein klitzekleines Stückchen. Nun war Azrael, in Menschenjahren gemessen, schon über 70 Jahre alt. Jeweils drei Zentimeter Horn waren bereits gewachsen. Er fand das nicht dramatisch: „Andere hätten ein ganz anderes Geweih verdient“, dachte er manchmal bei sich. Aber die anderen waren ja keine Abgesandten.

Jedenfalls fehlte Azrael mittlerweile die Haarpracht, um die verräterischen Auswölbungen zu verdecken. Sie selbst abzuhobeln, kam nicht in Frage. Mit leichter Verzweiflung blätterte in einer Zeitschrift, als ihm eine Anzeige ins Augen stach: „Wir schleifen Glatzen – blank werden mit Eleganz. Fachkrankenhaus Horn, ärztlich und verschwiegen.“ Sein Teufelsherz hüpfte: Ja, er war gerettet.

Als Azrael im Aufwachzimmer der Klinik aus der künstlichen Ohnmacht erwachte, erreichte ihn ein Anruf seines Büros: „Sie denken doch daran: Morgen großes Treffen mit dem britischen Regierungschef.“ Der Teufels-Abgesandte wurde bleich. Die beiden Hörner waren zwar verschwunden, doch an ihrer Stelle klafften zwei kreisrunde, tiefrote Wunden. So könnte er unmöglich unter die Menschen gehen. Und schon gar nicht konnte er so der verhassten Pressemeute gegenübertreten.

„Bin beim Arzt. Krank, geht nicht“, rief er seinen engsten Mitarbeiter zurück. „Keine Chance“, antwortete dieser „Sie wissen doch, Wir müssen in Afghanistan aufräumen. Dringender Befehl von unten. Und wir müssen diese Bankenkrise auf den Weg bringen.“  Azraels ansonsten zuverlässiges Grinsen wich aus seinem runden Gesicht. Er wurde bleich. Na gut, er konnte eh nichts mehr ändern. Der morgige Tag würde kommen.

Also schaltete er den Fernseher ein. Sie brachten „Fluch der Karibik“. Und dann sah er die Lösung seines Problems. Ein Piraten-Kopftuch! Sicher, sie würden sich in den Zeitungen über ihn lustig machen. Sie würden fragen, ob er endgültig verrückt geworden sei. Wann er endlich damit aufhören würde, ein ganzes Land lächerlich zu machen. Aber es ging nur so und nicht anders.

Als der Besuch neben seiner Frau  nach der Begegnung in die frisch gemachten Betten sank, meinte er nur: „Ich halte Azraels Methoden oft für fragwürdig. Manches gefällt mir nicht. Aber ein lustiger Kerl ist er schon. Warum er sich diesen blöden Namen Berlusconi gegeben hat, werde ich aber nie verstehen.“

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Ein Kommentar zu Azrael

  1. MissGeschickt sagt:

    Hey Mr. Hirnduebel 😉 ich hatte wirklich viel Spaß bei der Geschichte und habe bis zum Schluß nicht erraten wer sich hier versteckt, das Piratentuch hat ihn verraten! Echt Klasse gemacht. Vielleicht machen wir irgendwann wieder so was tolles, mir hats echt gefallen, Danke!

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